Nachruf auf einen Rücktritt
Bundespräsident Wulff ist zurückgetreten, weil er sich selbst wohl getreten fühlt. Von den Medien. Freilich, es kann nicht sein, dass eine Zeitung bestimmt, welches Bild wir abgeben. Denn ein Blatt wendet sich schnell, gegen wen oder was auch immer. Doch die Medien sind am Skandal nicht schuld, sie haben ihn nur verstärkt. Denn, das haben die Medien ja gezeigt, der Ex-Bundespräsident war und ist kein unbeschriebenes Blatt.
Wer der Öffentlichkeit dient, muss alles öffentlich machen. Wer Vertrauen will, muss sich trauen, offen zu sein. Ein Staatsoberhaupt zu sein, darf nicht dazu verleiten, anzunehmen, über alles hinwegsehen zu können. Aufrichtigkeit hat nichts damit zu tun, alles machen zu können, was einem Recht ist. Auch so manches Stehaufmännchen hält sich für stets aufrichtig. Nein, Aufrichtigkeit hat etwas mit der Gangart zu tun, wie man mit Dingen umgeht. Und nicht, wie man sie am besten umgeht.
Nun, ein Würdenträger ist nicht, wer verspricht, etwas tragen zu würden, aber nichts aushalten kann. Ein Würdenträger ist, wer seine Stärke dem Amt schenkt und sich nicht die Kraft von diesem leiht. Ein Würdenträger ist, wer bereit ist, Opfer zu bringen, sich selbst aber nicht zum Opfer macht.
Aber ein Würdenträger ist vor allem, der das Amt und dessen Wirkung bereichert und sich nichts schenkt.
Gerne reden Politiker vom kleinen Mann.
Ich glaube, das ist ihr Ausdruck für ihren Wunsch, über unsere Köpfe hinweg entscheiden zu können. Ich glaube auch, wir würden gerne mal den kleinen Mann spielen, hätten wir jemanden, zu dem wir aufschauen könnten.
Freilich auch Politiker sind nur Menschen.
Und zweitens freilich, sie müssen einstecken können. Mehr als ein Schelm, wer das womöglich an den eigenen Taschen zu üben sucht.
Und drittens freilich, wir leben in einer Welt, in der sich jeder seinen Vorteil denkt. Die giftigsten Pfeile werden immer noch mit den Ellbogen abgeschossen. Vor allem von den Personen, die man hinter sich zu wissen glaubt, die aber auch mal nach vorne wollen. Gerade deshalb sollten wir alle, allen voran Politiker und Staatsoberhäupter, mit bestem Beispiel vorangehen. Auch durch einen Rücktritt.
PS: Brauchen wir überhaupt ein Staatsoberhaupt? Mit jemandem, der sein Haupt oben trägt, ist doch ohnehin kein Staat zu machen. Oder? Und wenn ja, sollten wir uns fragen, ob es denn nicht besser wäre, jemanden aus Kunst, Kultur, Wissenschaft oder Sport zu erwählen.
Ich wünschte mir mal eine Frau auf dem Posten, die sicherlich ihren Mann stehen würde. Vor allem aber wünsche ich mir eine Person, die sich für nachhaltigen Fortschritt einsetzt – von so jemanden wären wir doch gut vertreten.
